Kinästhetik: Entlastung für Patienten und Pflegende

Bewusste Griffe und Bewegungsabläufe schonen Patienten und Pflegende

Pflegende Angehörige und Pflegekräfte sind bei der täglichen Pflege enormen körperlichen Anstrengungen ausgesetzt. Wer schon einmal einem in seiner Bewegungsmöglichkeit eingeschränkten erwachsenen Menschen aus dem Bett helfen oder darin drehen musste, kann dies sicherlich gut nachempfinden.

Doch es müssen nicht einmal dauerhafte Belastungen sein, auch nur eine einzige falsche Bewegung kann zu körperlichen Schäden des Pflegenden führen. Am häufigsten betroffen ist der Rücken.

Aber auch der Patient fühlt sich bei einer falschen Lageveränderung oft mehr als nur unwohl.

Bei ihm kann eine falsche Hebe- oder Bewegungstechnik ebenfalls körperliches Leiden verursachen. Um dem entgegen zu wirken, wurde ein Konzept zur bewussten Körper schonenden Bewegung entwickelt: Kinästhetik.

Systematische Analyse der Bewegungsabläufe

Schon lange gibt es einzelne Kniffs und Tricks, um sich als Pflegekraft in der täglichen Arbeit  körperlich zu entlasten. Doch erst die in der Pflege mittlerweile allgemein anerkannte Lehre der Kinästhetik liefert mehr als eine Sammlung hilfreicher Tipps.

Die Kinästhethik hilft der Pflegekraft systematisch ihre und die Bewegungen des Patienten zu analysieren und selbst Bewegungsabläufe so zu gestalten, dass sie für beide vorteilhaft sind. Erklärtes Ziel ist es zum einen, Pflegenden die Möglichkeiten zur körperlichen Entlastung bei Hebe-, Lagerungs- und Transfer-Bewegungen bewusst zu machen. Zum anderen möchte man mit dem Pflegebedürftigen in einen "Bewegungsdialog" treten, um dessen Ressourcen mit einzusetzen und zu fördern.

Martin Lebron - Kinaesthetic-Trainer

 

 

 

 

 

 

 

 

Viele einzelne Schritte - Einfach entlastend

Beispielsweise übernimmt beim traditionellen Umlagern des Patienten vom Bett in den Rollstuhl die Pflegekraft das Gewicht des Pflegenden. Der Patient kann dabei den Bewegungsablauf nicht mitgestalten, da seine noch vorhandenen Fähigkeiten nicht mit eingesetzt und gefördert werden. Dies ist für beide Seiten belastend.

In der Kinästhetik wird der gesamte Bewegungsvorgang nun in einzelne Abschnitte aufgeteilt, so dass die Belastung für die Pflegekraft und den Patient möglichst gering ist.

Schulung der eigenen Pflegekräfte

Dieses Konzept hatten bis 2005 bereits einzelne Pflegekräfte der Sozialstation auf externen Schulungen kennen und schätzen gelernt. Die positiven Erfahrungen dieser MitarbeiterInnen veranlasste die Leitung der Sozialstation, alle Pflegekräfte in Kinästhetik schulen zu lassen.

In sieben jeweils 4-tägigen Kursen nahmen zwischen April 2006 und Mai 2007 40 Pflegekräfte der Sozialstation an einer hausinternen Schulung zur Kinästhetik teil. Zwei externe Kinästhetik-Trainer vermittelten theoretische Grundlagen zur Anatomie des Menschen und seiner Bewegungsmöglichkeiten. Anhand praxisbezogener Aufgabenstellungen übten die TeilnehmerInnen anschließend miteinander das neu Gelernte. Zum Abschluss erfolgte eine Praxistest: Unter Anleitung und Beobachtung des Kinästhetik-Trainers setzte jedes Teams der Sozialstation das neue Wissen bei einem Patienten um.

 

 

 

 

 

 

Eine gute Investition ins Wohl der MitarbeiterInnen und Patienten

Auch wenn die Schulung der Pflegekräfte eine finanzielle Herausforderung war, sieht die Leitung der Sozialstation dies als eine gute Investition in das gesundheitliche Wohl ihrer MitarbeiterInnen und Patienten an.

Kinästhetik ist nunmehr ein Standard in der täglichen Arbeit der Pflegekräfte der Sozialstation. Auch in den von der Sozialstation regelmäßig angebotenen Hauskrankenpflegekursen werden ab sofort einzelne Aspekte der Kinästhetik pflegenden Angehörigen vermittelt.

Der Begriff "Kinästhetik" stammt aus dem Griechischen und bedeutet "Wahrnehmung der Bewegung". Die Begründer der Kinästhetik sind die amerikanische Psychologin Dr. Lenny Maietta und der Verhaltenskybernetiker Dr. Frank Hatch.